Die Geschichte der Wöllersdorfer Werke beginnt bereits im frühen 19. Jahrhundert. Ab etwa 1814 beziehungsweise 1815 entstanden zwischen Wiener Neustadt und Wöllersdorf Produktionsanlagen für Munition, Explosivstoffe und militärische Raketen. Aus diesen Einrichtungen entwickelte sich die sogenannte Feuerwerksanstalt und später eines der bedeutendsten Rüstungszentren der Region.
Der Name „Raketendörfl“ erinnert noch heute daran, dass hier einfache militärische Raketen hergestellt wurden. Um das ständig wachsende Gelände herum entstanden Kasernen, Werkstätten, Lager und ein umfangreiches Bahnnetz. Während des Ersten Weltkriegs erreichten die Wöllersdorfer Werke ihre größte Ausdehnung. Auf mehreren Quadratkilometern befanden sich hunderte Gebäude, kilometerlange Straßen und ein weit verzweigtes Werksbahnnetz. Zeitweise arbeiteten dort mehr als 30.000 bis 40.000 Menschen, darunter sehr viele Frauen.
Die Arbeitsbedingungen waren extrem gefährlich. Munition und Schießpulver wurden in großen Mengen verarbeitet, und immer wieder kam es zu schweren Unfällen. Besonders tragisch war der 18. September 1918. In einer als „Objekt 143“ bezeichneten Halle brach während der Arbeit ein Brand aus. Dort beschäftigte Frauen füllten Schießpulver in Säcke und arbeiteten mit Zündmaterial. Nach einer Stichflamme entzündete sich das Pulver. Die Fluchtwege waren teilweise versperrt, wodurch sich die Katastrophe noch verschlimmerte. Amtlich wurden 423 Tote festgestellt.
Nur wenige Wochen später endete der Erste Weltkrieg. Die riesige Rüstungsanlage verlor damit einen Großteil ihrer bisherigen Bedeutung. 1920 wurden die Wöllersdorfer Werke offiziell geschlossen. Teile des Areals standen danach leer, während andere Bereiche für neue industrielle Zwecke genutzt werden sollten. Viele dieser Nachnutzungspläne scheiterten jedoch.
In den 1930er-Jahren bekam das Gelände noch eine andere politische Bedeutung. Auf Teilen des ehemaligen Fabrikareals wurde 1933 das Anhaltelager Wöllersdorf errichtet, in dem politische Gegner des austrofaschistischen Regimes interniert wurden. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 wurden große Teile des Geländes erneut militärisch genutzt.
Während des Zweiten Weltkriegs dienten Teile der ehemaligen Werke unter anderem als Luftpark für den nahegelegenen Fliegerhorst Wiener Neustadt. Am 29. Mai 1944 wurden große Teile des Areals bei einem amerikanischen Luftangriff zerstört. Weitere Anlagen wurden gegen Kriegsende gesprengt oder während der Kämpfe im Frühjahr 1945 beschädigt.
Nach 1945 wurden viele verbliebene Gebäude abgetragen oder als Baumaterial verwendet. Größere Ruinen und funktionslos gewordene Schlote verschwanden teilweise ebenfalls durch Sprengungen. Dadurch wurde aus einem der größten Rüstungsstandorte der Monarchie nach und nach ein weitläufiges Gebiet, in dem heute nur noch einzelne historische Spuren an seine ursprüngliche Dimension erinnern.
Die Geschichte der Wöllersdorfer Werke ist deshalb nicht nur Industriegeschichte. Sie ist auch eine Geschichte von Krieg, Zwang, gefährlicher Arbeit und menschlichen Opfern. Besonders die Katastrophe von 1918 macht deutlich, welchen Preis die industrielle Munitionsproduktion während des Ersten Weltkriegs forderte.
Heute erinnert unter anderem der Kriegerfriedhof in Steinabrückl mit einem Denkmal an die 423 Opfer der Katastrophe von 1918. Damit bleiben die Wöllersdorfer Werke nicht nur als verlassener Industrieort, sondern auch als Erinnerungsort Teil der regionalen Geschichte.
GESCHICHTE
Die Geschichte des Ortes.
ZEITLEISTE
Chronologie.
1814/1815Im Raum Wöllersdorf entstehen militärische Produktionsanlagen. Aus ihnen entwickelt sich später die Feuerwerksanstalt und schließlich der große Rüstungsstandort der Wöllersdorfer Werke.
19. JahrhundertDie Anlagen werden kontinuierlich erweitert. In Wöllersdorf werden unter anderem Munition, Explosivstoffe und militärische Raketen hergestellt.
1914–1918Während des Ersten Weltkriegs erreichen die Wöllersdorfer Werke ihre größte Bedeutung. Zehntausende Menschen arbeiten auf dem riesigen Rüstungsareal.
18. September 1918In „Objekt 143“ bricht ein verheerender Brand aus. Die Katastrophe fordert nach amtlichen Angaben 423 Todesopfer und zählt zu den schwersten Industrieunglücken der österreichischen Geschichte.
1920Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs werden die Wöllersdorfer Werke offiziell geschlossen. Teile des riesigen Areals werden anschließend für andere Zwecke verwendet.
1933Auf einem Teil des ehemaligen Werksgeländes entsteht das Anhaltelager Wöllersdorf für politische Gefangene des austrofaschistischen Regimes.
1938Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich wird das Gelände erneut verstärkt militärisch genutzt.
29. Mai 1944Bei einem amerikanischen Luftangriff werden große Teile der Anlagen schwer getroffen und zerstört.
1945Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs werden weitere Anlagen beschädigt oder zerstört. Nach Kriegsende beginnt der schrittweise Abbruch zahlreicher verbliebener Gebäude.
Nach 1945Ruinen und Überreste der ehemaligen Werke werden teilweise abgetragen. Baumaterial wird wiederverwendet und große Teile des früheren Industrieareals verändern sich grundlegend.
HeuteNur noch einzelne Relikte und Spuren erinnern an die enorme Ausdehnung der ehemaligen Wöllersdorfer Werke. Den 423 Opfern der Brandkatastrophe von 1918 wird unter anderem auf dem Kriegerfriedhof in Steinabrückl gedacht.
HEUTE
Was ist geblieben?
Von den einst riesigen Wöllersdorfer Werken ist heute nur noch ein Bruchteil erhalten. Das ehemalige Fabrikgelände hat sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs stark verändert. Viele beschädigte Gebäude wurden nach 1945 abgetragen, gesprengt oder als Baumaterial wiederverwendet. Andere Flächen wurden später neu bebaut oder industriell genutzt.
Dennoch sind bis heute einzelne Spuren der ehemaligen Anlage erhalten. Dazu gehören überwachsene Grundmauern und Geländeformen, die teilweise noch von Bomben- und Granattrichtern geprägt sind. Ein besonders bedeutendes erhaltenes Gebäude ist das zwischen 1914 und 1916 errichtete ehemalige Schalthaus der Feuerwerksanstalt. Es wurde erhalten und wird heute als Firmengebäude genutzt. Die Marktgemeinde zählt es ausdrücklich zu den wenigen erhaltenen Gebäuden der früheren Feuerwerksanstalt.
Auch andere Orte erinnern heute an die Geschichte des riesigen Areals. Auf dem Kriegerfriedhof in Steinabrückl befindet sich ein Denkmal für die Opfer der Brandkatastrophe vom 18. September 1918. Die Gemeinde dokumentiert dort die Erinnerung an die 423 Todesopfer der Katastrophe.
Ein weiteres Mahnmal erinnert an das spätere Anhaltelager Wöllersdorf, das auf dem Gelände der ehemaligen Werke eingerichtet wurde. Damit sind die erhaltenen Spuren heute nicht nur Überreste eines früheren Industriekomplexes, sondern zugleich Erinnerungsorte für verschiedene Kapitel der österreichischen Geschichte.
Das ehemalige Werksareal ist heute kein zusammenhängender Lost Place, den man als Ganzes besichtigen könnte. Teile werden genutzt, andere Bereiche sind verändert, überwachsen oder nicht öffentlich zugänglich. Spuren der Stille dokumentiert deshalb die erhaltenen Relikte und ihre Geschichte, ohne zu gesperrten oder privaten Bereichen zu führen.
Dennoch sind bis heute einzelne Spuren der ehemaligen Anlage erhalten. Dazu gehören überwachsene Grundmauern und Geländeformen, die teilweise noch von Bomben- und Granattrichtern geprägt sind. Ein besonders bedeutendes erhaltenes Gebäude ist das zwischen 1914 und 1916 errichtete ehemalige Schalthaus der Feuerwerksanstalt. Es wurde erhalten und wird heute als Firmengebäude genutzt. Die Marktgemeinde zählt es ausdrücklich zu den wenigen erhaltenen Gebäuden der früheren Feuerwerksanstalt.
Auch andere Orte erinnern heute an die Geschichte des riesigen Areals. Auf dem Kriegerfriedhof in Steinabrückl befindet sich ein Denkmal für die Opfer der Brandkatastrophe vom 18. September 1918. Die Gemeinde dokumentiert dort die Erinnerung an die 423 Todesopfer der Katastrophe.
Ein weiteres Mahnmal erinnert an das spätere Anhaltelager Wöllersdorf, das auf dem Gelände der ehemaligen Werke eingerichtet wurde. Damit sind die erhaltenen Spuren heute nicht nur Überreste eines früheren Industriekomplexes, sondern zugleich Erinnerungsorte für verschiedene Kapitel der österreichischen Geschichte.
Das ehemalige Werksareal ist heute kein zusammenhängender Lost Place, den man als Ganzes besichtigen könnte. Teile werden genutzt, andere Bereiche sind verändert, überwachsen oder nicht öffentlich zugänglich. Spuren der Stille dokumentiert deshalb die erhaltenen Relikte und ihre Geschichte, ohne zu gesperrten oder privaten Bereichen zu führen.
Keine Hinweise zum Umgehen von Absperrungen oder zum unerlaubten Betreten.
🎧 AUDIOGUIDE
Wöllersdorfer Werke – ehemalige Munitionsfabrik
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Wöllersdorfer Werke – ehemalige MunitionsfabrikWöllersdorf-Steinabrückl
QUELLEN
Recherche.
Marktgemeinde Wöllersdorf-Steinabrückl – Geschichte
Offizielle Gemeindechronik mit Informationen zur Entwicklung der Wöllersdorfer Werke, zur Munitionsproduktion, zur Brandkatastrophe von 1918 und zur Schließung der Werke.
https://www.woellersdorf-steinabrueckl.gv.at/sites/geschichte
Marktgemeinde Wöllersdorf-Steinabrückl – Sehenswürdigkeiten
Informationen zu erhaltenen historischen Bauwerken sowie zum Soldatenfriedhof und zum Denkmal für die Opfer der Brandkatastrophe.
https://www.woellersdorf-steinabrueckl.gv.at/sites/sehenswuerdigkeiten
Haus der Geschichte Österreich – 18. September 1918
Historische Dokumentation der Brandkatastrophe in der Munitionsfabrik Wöllersdorf und der damaligen Arbeitsbedingungen.
https://2018.hdgoe.at/von-tag-zu-tag-1917-bis-1919/18-september-1918.html
ORF Niederösterreich – „Wöllersdorf 1918: 423 Tote klagen an“
Bericht über die Brandkatastrophe und das Gedenken an die 423 Opfer.
https://noe.orf.at/v2/news/stories/2938436/
Brandkatastrophe1918.at – Zum Gedenken an die 423 Opfer
Historische Dokumentation mit Fotografien der ehemaligen Munitionsfabrik und Informationen über Objekt 143.
https://brandkatastrophe1918.at/
Offizielle Gemeindechronik mit Informationen zur Entwicklung der Wöllersdorfer Werke, zur Munitionsproduktion, zur Brandkatastrophe von 1918 und zur Schließung der Werke.
https://www.woellersdorf-steinabrueckl.gv.at/sites/geschichte
Marktgemeinde Wöllersdorf-Steinabrückl – Sehenswürdigkeiten
Informationen zu erhaltenen historischen Bauwerken sowie zum Soldatenfriedhof und zum Denkmal für die Opfer der Brandkatastrophe.
https://www.woellersdorf-steinabrueckl.gv.at/sites/sehenswuerdigkeiten
Haus der Geschichte Österreich – 18. September 1918
Historische Dokumentation der Brandkatastrophe in der Munitionsfabrik Wöllersdorf und der damaligen Arbeitsbedingungen.
https://2018.hdgoe.at/von-tag-zu-tag-1917-bis-1919/18-september-1918.html
ORF Niederösterreich – „Wöllersdorf 1918: 423 Tote klagen an“
Bericht über die Brandkatastrophe und das Gedenken an die 423 Opfer.
https://noe.orf.at/v2/news/stories/2938436/
Brandkatastrophe1918.at – Zum Gedenken an die 423 Opfer
Historische Dokumentation mit Fotografien der ehemaligen Munitionsfabrik und Informationen über Objekt 143.
https://brandkatastrophe1918.at/