Tief im Feichtenbachtal, umgeben von Wald und Bergen, steht ein gewaltiger Gebäudekomplex, dessen Geschichte mehr als ein Jahrhundert zurückreicht.
Heute wirkt das ehemalige Sanatorium Wienerwald wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Verlassene Räume, lange Gänge und der fortschreitende Verfall haben den Ort zu einem der bekanntesten Lost Places Niederösterreichs gemacht.
Doch begonnen hat seine Geschichte keineswegs als verlassener oder düsterer Ort.
1903 erwarben die beiden jüdischen Lungenfachärzte Hugo Kraus und Arthur Baer Grundstücke in Feichtenbach. Am 1. Juli 1904 eröffneten sie hier das Sanatorium Wienerwald – eine moderne private Heilanstalt für Menschen mit Lungenerkrankungen, insbesondere Tuberkulose.
Die Lage war bewusst gewählt. Ruhe, frische Luft und die abgeschiedene Landschaft sollten die Behandlung unterstützen. Das Sanatorium verfügte für seine Zeit über eine moderne medizinische Ausstattung und entwickelte sich schnell zu einer international angesehenen Lungenheilanstalt.
Wohlhabende Patienten aus verschiedenen Teilen Europas und sogar aus Übersee kamen nach Feichtenbach. Auch prominente Persönlichkeiten suchten hier medizinische Hilfe. Zu ihnen gehörten unter anderem der Schriftsteller Franz Kafka, Kardinal Theodor Innitzer und der frühere österreichische Bundeskanzler Ignaz Seipel.
Mit dem Erfolg wurde auch das Gebäude immer weiter ausgebaut. Operationsräume, Aufenthaltsbereiche und Liegeterrassen entstanden. Für mehrere Jahrzehnte war das Sanatorium ein Ort medizinischer Innovation und gesellschaftlichen Ansehens.
Doch 1938 änderte sich alles.
Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich wurde das von jüdischen Ärzten gegründete Sanatorium im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Enteignungspolitik „arisiert“.
Am 21. April 1938 wurde das Sanatorium von der SS unter Beteiligung der Gestapo beschlagnahmt. Hugo Kraus wurde dabei schwer verletzt. Nach überlieferten Darstellungen soll er versucht haben, sich das Leben zu nehmen; der genaue Hergang ist jedoch bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Drei Tage später starb Kraus im Krankenhaus Wiener Neustadt. Arthur Baer wurde unter Druck gesetzt und verlor ebenfalls seinen Anteil am Sanatorium.
Damit begann eines der dunkelsten Kapitel des Gebäudes.
Aus der international angesehenen Lungenheilanstalt wurde zunächst das „Heim Ostmark“, später „Heim Wienerwald“.
Betrieben wurde es vom SS-Verein Lebensborn.
Dieser Verein war Bestandteil der nationalsozialistischen Rassenpolitik. Frauen, die den rassistischen Vorstellungen der SS entsprachen, sollten dort Kinder zur Welt bringen. Das ehemalige Sanatorium wurde damit zu einem Entbindungsheim, in dem die menschenverachtende nationalsozialistische Vorstellung einer vermeintlich „erbbiologisch wertvollen“ Bevölkerung umgesetzt werden sollte.
Forschungen des Ludwig Boltzmann Instituts haben mindestens 1.188 Geburten zwischen Oktober 1938 und dem Kriegsende 1945 nachgewiesen; spätere Schätzungen sprechen von rund 1.300 Geburten.
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs endete auch die Nutzung durch Lebensborn.
Doch das Gebäude wurde nicht aufgegeben.
Nach 1945 diente es zunächst als Kinderheim beziehungsweise Kindererholungsheim. Ab den 1950er-Jahren wurde der Komplex als Erholungsheim der Metall- und Bergarbeitergewerkschaft genutzt. Viele Menschen aus der Region erinnern sich deshalb weniger an das frühere Sanatorium oder Lebensborn-Heim als an ein großes Urlaubs- und Erholungszentrum.
Ab 1990 nutzte die Wiener Gebietskrankenkasse die Anlage als Erholungs- und Rehabilitationszentrum. Tausende Patienten wurden hier behandelt und betreut.
Später gab es noch den Versuch, den Gebäudekomplex als Hotel Feichtenbach weiterzuführen.
Doch auch diese Nutzung hatte keinen dauerhaften Erfolg.
Seit 2002 steht das ehemalige Sanatorium ungenutzt.
Und damit begann die jüngste Geschichte des Ortes:
die Geschichte eines Lost Places.
Jahrzehntelanger Leerstand und Verfall verwandelten die einstige Heilanstalt zunehmend in jene gewaltige Ruine, die heute mit Feichtenbach verbunden wird.
Mit dem Verfall entstanden auch neue Geschichten.
In der Lost-Place- und Urbex-Szene werden dem ehemaligen Sanatorium immer wieder unheimliche Erlebnisse zugeschrieben. Erzählungen handeln von vermeintlichen Schritten in leeren Gängen, Stimmen oder Geräuschen aus verlassenen Räumen und dem Gefühl, in dem Gebäude nicht allein zu sein.
Solche Berichte passen zur düsteren Atmosphäre eines verlassenen Sanatoriums – historische Belege für paranormale Erscheinungen gibt es jedoch nicht. Sie sollten deshalb als moderne Spukgeschichten und nicht als tatsächliche Ereignisse verstanden werden.
Vielleicht entstehen solche Erzählungen gerade deshalb so leicht an diesem Ort.
Ein Gebäude, das über mehr als hundert Jahre völlig unterschiedliche Menschen gesehen hat.
Tuberkulosepatienten, Ärzte und Pflegepersonal.
Mütter und Kinder während der NS-Zeit.
Erholungssuchende und Rehabilitationspatienten.
Und schließlich nur noch leere Räume.
Hinter der vermeintlichen Geistergeschichte steht deshalb eine sehr reale Vergangenheit.
Heute befindet sich das ehemalige Sanatorium auf Privatgrund. Das Betreten ist strengstens verboten; zudem besteht aufgrund des baulichen Zustands Einsturzgefahr. Das Gelände wird überwacht.
Das Sanatorium Wienerwald ist damit mehr als eine beeindruckende Ruine.
Es erzählt vom medizinischen Fortschritt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, von der Verfolgung seiner jüdischen Gründer, von der nationalsozialistischen Rassenideologie, von Jahrzehnten als Erholungsstätte – und schließlich vom langsamen Verschwinden eines Gebäudes, das einst weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt war.
Und irgendwo zwischen dieser belegbaren Vergangenheit und den modernen Geschichten über Stimmen und Schritte in den verlassenen Gängen entstand schließlich auch die Legende des Ortes.
Was davon Geschichte ist, können wir dokumentieren. Was davon Spuk ist, bleibt eine Erzählung.
GESCHICHTE
Die Geschichte des Ortes.
ZEITLEISTE
Chronologie.
1903Die Lungenfachärzte Hugo Kraus und Arthur Baer erwerben Grundstücke in Feichtenbach, um dort eine moderne Lungenheilanstalt zu errichten.
1. Juli 1904Das Sanatorium Wienerwald wird eröffnet. Es entwickelt sich zu einer angesehenen privaten Heilanstalt für Lungenkrankheiten, insbesondere Tuberkulose.
1904–1938Das Sanatorium wird erweitert und international bekannt. Patienten aus dem In- und Ausland kommen zur Behandlung nach Feichtenbach. Auch bekannte Persönlichkeiten halten sich hier auf.
21. April 1938Nach dem „Anschluss“ Österreichs wird das von jüdischen Ärzten gegründete Sanatorium von SS und Gestapo beschlagnahmt. Hugo Kraus wird schwer verletzt und stirbt wenige Tage später.
1938Das enteignete Sanatorium wird zunächst unter der Bezeichnung „Heim Ostmark“ weitergeführt.
1938–1945Der Gebäudekomplex wird als Lebensborn-Heim genutzt. In Feichtenbach werden während dieser Zeit mehr als 1.000 Kinder geboren. Die Einrichtung ist Teil der nationalsozialistischen Rassen- und Bevölkerungspolitik.
1945Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs endet die Nutzung durch den Lebensborn.
Nach 1945Das ehemalige Sanatorium wird unter anderem als Kinderheim beziehungsweise Kindererholungsheim verwendet.
Ab den 1950er-JahrenDie Anlage dient als Erholungsheim der Metall- und Bergarbeitergewerkschaft. Damit beginnt eine weitere, jahrzehntelange Nutzungsphase.
Ab 1990Die Wiener Gebietskrankenkasse nutzt den Gebäudekomplex als Erholungs- und Rehabilitationszentrum.
Späte 1990er-/frühe 2000er-JahreEs folgt der Versuch einer weiteren Nutzung als Hotel Feichtenbach.
2002Die Nutzung des Gebäudekomplexes endet. Das ehemalige Sanatorium bleibt leer.
Ab 2002Durch den jahrelangen Leerstand setzt zunehmender Verfall ein. Das Sanatorium wird in der Lost-Place- und Urbex-Szene immer bekannter.
HeuteDas ehemalige Sanatorium befindet sich auf Privatgrund und ist aufgrund seines baulichen Zustands nicht frei zugänglich. Das Betreten ist verboten. Gleichzeitig kursieren moderne Spukgeschichten über angebliche Schritte, Stimmen und andere Wahrnehmungen in den verlassenen Gebäuden. Belege für paranormale Erscheinungen existieren nicht.
HEUTE
Was ist geblieben?
Das ehemalige Sanatorium Wienerwald steht seit 2002 ungenutzt. Mehr als zwei Jahrzehnte Leerstand haben deutliche Spuren hinterlassen. Der große Gebäudekomplex verfällt zunehmend; zusätzlich wurde die Anlage über die Jahre durch Vandalismus beschädigt. Heute ist aus der einst international bekannten Lungenheilanstalt ein weithin bekannter Lost Place geworden.
Das Gelände befindet sich auf Privatgrund und darf nicht betreten werden. Aufgrund des schlechten baulichen Zustands besteht unter anderem Einsturzgefahr. Bereits 2020 wurde ein behördliches Betretungsverbot ausgesprochen. Das Areal wird außerdem mit Kameras und durch einen Sicherheitsdienst überwacht.
Trotz des Verfalls sind große Teile des Gebäudekomplexes weiterhin vorhanden. Dadurch lässt sich äußerlich noch erahnen, welche Dimension die frühere Anlage hatte. Gleichzeitig haben jahrzehntelanger Leerstand und die abgeschiedene Lage wesentlich zum heutigen geheimnisvollen Erscheinungsbild beigetragen.
Rund um das Sanatorium entstanden im Laufe der Zeit moderne Spukgeschichten. Berichtet wird in der Lost-Place-Szene unter anderem von vermeintlichen Stimmen, Schritten und anderen ungewöhnlichen Wahrnehmungen. Nachweise für paranormale Erscheinungen gibt es nicht. Diese Geschichten sind deshalb als moderne Legenden rund um den verlassenen Ort zu verstehen und nicht als belegter Teil seiner historischen Vergangenheit.
Die Zukunft des Gebäudekomplexes ist weiterhin ungewiss. Noch 2025 wurde das Sanatorium als Ruine beschrieben; konkrete Pläne des Eigentümers für eine zukünftige Nutzung waren zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt.
Spuren der Stille dokumentiert diesen Ort ausschließlich aus historischer Perspektive. Unsere Karte führt Besucher nicht zu einem illegalen Zugang zum Gebäude. Das Betretungsverbot und die Eigentumsrechte sind zu respektieren.
Das Gelände befindet sich auf Privatgrund und darf nicht betreten werden. Aufgrund des schlechten baulichen Zustands besteht unter anderem Einsturzgefahr. Bereits 2020 wurde ein behördliches Betretungsverbot ausgesprochen. Das Areal wird außerdem mit Kameras und durch einen Sicherheitsdienst überwacht.
Trotz des Verfalls sind große Teile des Gebäudekomplexes weiterhin vorhanden. Dadurch lässt sich äußerlich noch erahnen, welche Dimension die frühere Anlage hatte. Gleichzeitig haben jahrzehntelanger Leerstand und die abgeschiedene Lage wesentlich zum heutigen geheimnisvollen Erscheinungsbild beigetragen.
Rund um das Sanatorium entstanden im Laufe der Zeit moderne Spukgeschichten. Berichtet wird in der Lost-Place-Szene unter anderem von vermeintlichen Stimmen, Schritten und anderen ungewöhnlichen Wahrnehmungen. Nachweise für paranormale Erscheinungen gibt es nicht. Diese Geschichten sind deshalb als moderne Legenden rund um den verlassenen Ort zu verstehen und nicht als belegter Teil seiner historischen Vergangenheit.
Die Zukunft des Gebäudekomplexes ist weiterhin ungewiss. Noch 2025 wurde das Sanatorium als Ruine beschrieben; konkrete Pläne des Eigentümers für eine zukünftige Nutzung waren zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt.
Spuren der Stille dokumentiert diesen Ort ausschließlich aus historischer Perspektive. Unsere Karte führt Besucher nicht zu einem illegalen Zugang zum Gebäude. Das Betretungsverbot und die Eigentumsrechte sind zu respektieren.
Keine Hinweise zum Umgehen von Absperrungen oder zum unerlaubten Betreten.
🎧 AUDIOGUIDE
Sanatorium Wienerwald – Feichtenbach
▶
Sanatorium Wienerwald – FeichtenbachFeichtenbach, Pernitz
QUELLEN
Recherche.
Zukunftsfonds der Republik Österreich – Lebensborn Heim Wienerwald
Dokumentation zur Gründung des Sanatoriums, zur Enteignung 1938,
zur Nutzung als Lebensborn-Heim und zur Nachkriegsgeschichte.
https://www.zukunftsfonds-austria.at/theme.php?id=59
Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung –
Lebensborn-Heim Wienerwald 1938–1945
Forschungsprojekt zur Geschichte des ehemaligen Sanatoriums
während der nationalsozialistischen Zeit.
https://bik.lbg.ac.at/news/lebensborn-heim-wienerwald-werkstattgespraech-in-der-diplomatischen-akademie-wien/
ORF Niederösterreich – Ausstellung über „Lebensborn“ Feichtenbach
Bericht über die Geschichte des Sanatoriums, seine Gründer,
die medizinische Bedeutung und die spätere Nutzung als Lebensborn-Heim.
https://noe.orf.at/stories/3281264/
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes –
Gedenken und Mahnen in Niederösterreich
Dokumentation des Gedenksteins für die Gründer Hugo Kraus
und Arthur Baer in Feichtenbach.
Wikimedia Commons – Sanatorium Wienerwald
Historische und neuere Fotografien des ehemaligen Sanatoriums.
https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Sanatorium_Wienerwald
Titelbild: Sanatorium Wienerwald, ca. 1904
Fotograf unbekannt
Quelle: Wikimedia Commons
Lizenz: Public Domain / gemeinfrei
Dokumentation zur Gründung des Sanatoriums, zur Enteignung 1938,
zur Nutzung als Lebensborn-Heim und zur Nachkriegsgeschichte.
https://www.zukunftsfonds-austria.at/theme.php?id=59
Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung –
Lebensborn-Heim Wienerwald 1938–1945
Forschungsprojekt zur Geschichte des ehemaligen Sanatoriums
während der nationalsozialistischen Zeit.
https://bik.lbg.ac.at/news/lebensborn-heim-wienerwald-werkstattgespraech-in-der-diplomatischen-akademie-wien/
ORF Niederösterreich – Ausstellung über „Lebensborn“ Feichtenbach
Bericht über die Geschichte des Sanatoriums, seine Gründer,
die medizinische Bedeutung und die spätere Nutzung als Lebensborn-Heim.
https://noe.orf.at/stories/3281264/
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes –
Gedenken und Mahnen in Niederösterreich
Dokumentation des Gedenksteins für die Gründer Hugo Kraus
und Arthur Baer in Feichtenbach.
Wikimedia Commons – Sanatorium Wienerwald
Historische und neuere Fotografien des ehemaligen Sanatoriums.
https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Sanatorium_Wienerwald
Titelbild: Sanatorium Wienerwald, ca. 1904
Fotograf unbekannt
Quelle: Wikimedia Commons
Lizenz: Public Domain / gemeinfrei