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INDUSTRIE & ZEITGESCHICHTE · ST. EGYDEN AM STEINFELD / SAUBERSDORF

Pulverfabrik Föhrenwald – Die Fabrik im vergessenen Wald

Tief im Föhrenwald zwischen Wiener Neustadt und Neunkirchen liegen die letzten Spuren einer ehemaligen Sprengstoff- und Munitionsfabrik. 1890 von der Nobel Dynamit AG gegründet, wurden hier Dynamit, Schießpulver und später Granaten hergestellt. Explosionen forderten Menschenleben, während des Zweiten Weltkriegs wurde das Gebiet erneut militärisch genutzt. Heute erinnert vor allem die Ruine des ehemaligen Verwaltungsgebäudes – das sogenannte Herrenhaus – an die Fabrik. Doch ihre gefährliche Vergangenheit ist noch immer gegenwärtig: Munitionsreste und phosphorhaltige Altlasten befinden sich bis heute im Föhrenwald.

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Pulverfabrik Föhrenwald – Die Fabrik im vergessenen Wald

GESCHICHTE

Die Geschichte des Ortes.

Tief im Föhrenwald zwischen Wiener Neustadt und Neunkirchen verbergen sich die Spuren einer Industrieanlage, deren Geschichte von Sprengstoff, Krieg, schweren Unglücken und jahrzehntelang verborgenen Gefahren geprägt ist.

Die Geschichte der Pulverfabrik Föhrenwald beginnt im Jahr 1890.

Die Nobel Dynamit AG gründete im Föhrenwald bei Saubersdorf eine Fabrik zur Herstellung von Dynamit und Schießpulver. Rund 400 Arbeiter, von denen ein großer Teil aus Italien stammte, waren am Aufbau der Anlage beteiligt.

Die Lage mitten im weitläufigen Föhrenwald war kein Zufall. Bei der Herstellung und Verarbeitung von Sprengstoffen bestand ständig die Gefahr schwerer Explosionen.

Schon bald wurden auf dem Gelände auch Granaten gefertigt.

Die Arbeit war gefährlich – und die Gefahr blieb nicht theoretisch.

1911 ereignete sich eine Explosion, bei der zwei Menschen ums Leben kamen.

Noch schwerer traf es die Fabrik während des Ersten Weltkriegs. Historische Darstellungen berichten von mehreren Unglücksfällen. Allein im Mai und Juli 1917 sollen insgesamt 20 Menschen tödlich verletzt worden sein.

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs hatte die Produktion stark an Bedeutung gewonnen. 1914 arbeiteten etwa 80 bis 100 Menschen in der Fabrik. Granaten wurden im Schichtbetrieb rund um die Uhr hergestellt.

Das gesamte Fabrikgelände war wesentlich größer als die heute noch sichtbare Ruine vermuten lässt. Eine historische Beschreibung nennt ein Areal von etwa 42 Hektar mit insgesamt 75 Objekten.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs musste die ursprüngliche Produktion eingestellt werden. In der Zwischenkriegszeit wurden einzelne Gebäude abgebrochen, während andere weiterhin als Lager dienten.

Doch die militärische Geschichte des Föhrenwaldes war damit nicht beendet.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Gebiet erneut für militärische Zwecke genutzt. Zusätzliche Baracken und Bunker entstanden, und das Gelände wurde Teil eines größeren Netzes von Munitionslagern.

Dabei wurde unter anderem deutsche sowie erbeutete gegnerische Munition gelagert und weiterverarbeitet. Als Arbeitskräfte wurden auch Dienstverpflichtete aus der Umgebung sowie Kriegsgefangene eingesetzt.

Auch eine Verbindung zur Rüstungsindustrie in Wiener Neustadt bestand: Im Föhrenwald wurden während des Krieges unter anderem Raketenteile und Treibstoff für das Aggregat 4 – besser bekannt als V2 – gelagert, deren Komponenten teilweise im Rax-Werk Wiener Neustadt hergestellt wurden.

Ein eigenes Eisenbahnnetz verband die militärischen Anlagen. Noch heute lassen sich im Gelände Spuren ehemaliger Gleise erkennen, die sich vom Bahnhof St. Egyden aus in Richtung der früheren Anlagen verzweigten.

Im Frühjahr 1945 erreichten sowjetische Truppen das Gebiet. Während des Rückzugs wurden Teile der militärischen Anlagen hastig gesprengt. Nach Kriegsende folgten Demontagen und das ehemalige Depot verlor endgültig seine Funktion.

Viele Gebäude verschwanden.

Doch ein besonders markantes Bauwerk blieb zurück:

das dreigeschossige ehemalige Verwaltungsgebäude, das heute meist als „Herrenhaus“ bezeichnet wird.

Zwischen den Bäumen steht seine Ruine noch immer als Erinnerung an die ehemalige Pulverfabrik. Die ungefähr 600 Meter südöstlich gelegene frühere Barackensiedlung ist dagegen verschwunden.

Doch die gefährliche Vergangenheit des Föhrenwaldes befindet sich nicht nur in alten Dokumenten.

Sie liegt teilweise noch immer unter der Erde.

Munitionsreste, Blindgänger und insbesondere phosphorhaltige Hinterlassenschaften führten auch Jahrzehnte nach Kriegsende immer wieder zu gefährlichen Situationen und Bränden. Bei Waldbränden können alte Kampfmittel noch heute detonieren.

Das Herrenhaus selbst ist seit 2011 eingezäunt und darf aufgrund seiner Baufälligkeit nicht betreten werden. Nachdem Absperrungen wiederholt beschädigt und die Ruine mit Graffiti verunstaltet worden waren, wurde das Gebäude zusätzlich videoüberwacht.

Die Pulverfabrik Föhrenwald ist damit ein ungewöhnlicher Lost Place.

Vieles von der einst riesigen Anlage ist verschwunden. Der Wald hat sich Flächen zurückgeholt, auf denen früher Sprengstoff hergestellt, Granaten produziert und Munition gelagert wurde.

Doch die Vergangenheit ist hier nicht vollständig verschwunden.

Sie zeigt sich in einer einsamen Ruine.

In den Spuren alter Eisenbahngleise.

Und in gefährlichen Überresten, die mehr als acht Jahrzehnte nach dem Krieg noch immer im Waldboden verborgen sein können.

Manche Orte wurden verlassen. Ihre Geschichten nicht.

ZEITLEISTE

Chronologie.

1890 – Gründung der Pulverfabrik
Die Nobel Dynamit AG gründet im Föhrenwald bei Saubersdorf eine Fabrik zur Herstellung von Dynamit und Schießpulver. Rund 400 Arbeiter, darunter viele Italiener, sind am Aufbau der Anlage beteiligt.
Um 1900 – Ausbau der Anlage
Die Fabrik entwickelt sich zu einem größeren Industriekomplex. Neben Sprengstoffen werden später auch Granaten hergestellt.
1911 – Tödliche Explosion
Bei einer Explosion in der Pulverfabrik kommen zwei Menschen ums Leben. Das Unglück zeigt die enorme Gefahr der damaligen Sprengstoffproduktion.
1914–1918 – Erster Weltkrieg
Mit Kriegsbeginn gewinnt die Fabrik stark an Bedeutung. Granaten werden im Schichtbetrieb rund um die Uhr produziert.
1917 – Schwere Explosionsunglücke
Im Mai und Juli kommt es zu schweren Unglücken. Historische Darstellungen berichten von insgesamt 20 Todesopfern.
1918 – Ende des Ersten Weltkriegs
Nach dem Zusammenbruch der Monarchie verliert die Rüstungsproduktion ihre bisherige Bedeutung.
Zwischenkriegszeit – Rückbau
Teile der Fabrikanlage werden abgetragen. Einige Gebäude bleiben bestehen und werden weiterhin als Lager genutzt.
Ab 1938 – Erneute militärische Nutzung
Mit der Aufrüstung für den Zweiten Weltkrieg wird das Gebiet wieder verstärkt militärisch genutzt. Im Föhrenwald entstehen zahlreiche Baracken und Munitionslager.
1939–1945 – Zweiter Weltkrieg
Auf dem Gelände werden deutsche Munition und Beutemunition gelagert und teilweise weiterverarbeitet. Auch Kriegsgefangene und dienstverpflichtete Arbeitskräfte werden eingesetzt.
1940er-Jahre – Verbindung zur Rüstungsindustrie
Im Föhrenwald werden auch militärische Materialien und Komponenten gelagert. Das Gebiet ist über Eisenbahnanlagen mit weiteren Rüstungsstandorten der Region verbunden.
1945 – Kriegsende
Sowjetische Truppen erreichen die Region. Teile der militärischen Anlagen werden während des Rückzugs zerstört beziehungsweise gesprengt.
Nach 1945 – Demontage und Verfall
Die militärische Nutzung endet. Zahlreiche Gebäude und Einrichtungen verschwinden in den folgenden Jahrzehnten. Der Föhrenwald beginnt, sich Teile des ehemaligen Industrieareals zurückzuholen.
Spätes 20. Jahrhundert – Ruinen bleiben zurück
Von der einst ausgedehnten Fabrik- und Militäranlage bleiben nur einzelne Relikte erhalten. Besonders markant ist das ehemalige dreigeschossige Verwaltungsgebäude, das sogenannte Herrenhaus.
2011 – Herrenhaus wird gesichert
Aufgrund des schlechten baulichen Zustandes wird die Ruine eingezäunt. Das Betreten ist untersagt.
2026 – Die Vergangenheit bleibt gefährlich
Alte Kampfmittel und phosphorhaltige Munitionsreste stellen im Föhrenwald weiterhin eine reale Gefahr dar. Bei Waldbränden können solche Hinterlassenschaften Jahrzehnte nach Kriegsende erneut zum Problem werden.
Heute – Lost Place im Föhrenwald
Das Herrenhaus und weitere Spuren erinnern an die ehemalige Pulver- und Munitionsindustrie. Große Teile der einstigen Anlage sind verschwunden oder vom Wald zurückerobert worden.

HEUTE

Was ist geblieben?

Von der einst weitläufigen Pulver- und Munitionsfabrik im Föhrenwald ist heute nur noch ein Bruchteil erhalten. Große Teile der ehemaligen Industrie- und Militäranlagen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg abgetragen, zerstört oder sind im Laufe der Jahrzehnte verschwunden.

Der Wald hat sich große Bereiche des ehemaligen Fabrikgeländes zurückgeholt. Zwischen Bäumen und dichter Vegetation lassen sich jedoch noch Spuren der früheren Nutzung erkennen.

Das auffälligste erhaltene Bauwerk ist das ehemalige dreigeschossige Verwaltungsgebäude, das heute meist als „Herrenhaus“ bezeichnet wird. Es steht als Ruine zwischen den Bäumen und erinnert an die Zeit, als sich hier eine große Sprengstoff- und Munitionsanlage befand.

Das Gebäude befindet sich in einem schlechten baulichen Zustand. Aufgrund der Einsturzgefahr wurde das Herrenhaus bereits 2011 eingezäunt. Das Betreten der Ruine ist nicht gestattet.

Doch die größte Gefahr befindet sich teilweise unsichtbar unter dem Waldboden.

Aus der jahrzehntelangen militärischen Nutzung sind im Föhrenwald noch immer Munitionsreste, Blindgänger und phosphorhaltige Altlasten vorhanden. Besonders bei großer Trockenheit und Waldbränden können diese Hinterlassenschaften gefährlich werden.

Dass diese Gefahr bis heute besteht, zeigte sich erneut im August 2026: Bei einem größeren Brand im Föhrenwald gingen die Behörden mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass alte phosphorhaltige Munitionsteile den Brand ausgelöst hatten.

Damit unterscheidet sich die Pulverfabrik Föhrenwald von vielen anderen Lost Places. Die Gefahr besteht hier nicht nur aus morschen Böden, einsturzgefährdeten Mauern oder zerbrochenem Glas – sondern teilweise aus militärischen Hinterlassenschaften, die seit Jahrzehnten im Boden verborgen liegen.

Das Verlassen gekennzeichneter Wege sowie das Betreten gesperrter Bereiche sollte unbedingt unterlassen werden.

Heute erzählen das Herrenhaus, überwachsene Strukturen und weitere Relikte von einer Anlage, die einst Dynamit, Schießpulver und Munition hervorbrachte.

Der Großteil der Fabrik ist verschwunden.

Doch ihre Spuren liegen noch immer im Föhrenwald.

Keine Hinweise zum Umgehen von Absperrungen oder zum unerlaubten Betreten.

🎧 AUDIOGUIDE

Pulverfabrik Föhrenwald – Die Fabrik im vergessenen Wald

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Pulverfabrik Föhrenwald – Die Fabrik im vergessenen WaldSt. Egyden am Steinfeld / Saubersdorf

QUELLEN

Recherche.

Gemeinde St. Egyden am Steinfeld – „Ein Dorf im Föhrenwald“
2015 erstellten Beatrix und Bettina Winkler anlässlich einer Ausstellung über die Pulverfabrik die 24-seitige Broschüre „Ein Dorf im Föhrenwald“. Die Gemeinde führt außerdem eine 344-seitige Gemeindechronik zur Geschichte ihrer Ortschaften.

Austria-Forum – Pulverfabrik Föhrenwald
Historische Angaben zur Gründung durch die Nobel Dynamit AG im Jahr 1890, zum Aufbau durch rund 400 Arbeiter, zur Granatenproduktion, zur Explosion von 1911, zur Nutzung während beider Weltkriege sowie zum heute erhaltenen Herrenhaus.

Historische Zeitung „Das Vaterland“, 15. Juli 1911 / ANNO
Zeitgenössischer Zeitungsbericht über die Explosion in der Pulverfabrik im Jahr 1911, bei der zwei Menschen ums Leben kamen. Der Bericht wird auch in der historischen Dokumentation des Austria-Forums als Primärquelle geführt.

ORF Niederösterreich – „Kriegsmunition bleibt Gefahr im Föhrenwald“ (August 2026)
Aktuelle Dokumentation zur Geschichte des Geländes und den bis heute vorhandenen Gefahren durch alte Munition. Der ORF berichtet unter Berufung auf lokale Historiker unter anderem von rund 50 im Jahr 1938 errichteten Munitionsbaracken und der Lagerung beziehungsweise Weiterverarbeitung deutscher und erbeuteter Munition.

Der Standard – Waldbrand im Föhrenwald (August 2026)
Aktuelle Berichterstattung über die Waldbrände und die weiterhin bestehende Gefahr durch alte Munitionsteile im Föhrenwald.

Forscherteam Wiener Unterwelten – Herrenhaus der Pulverfabrik
Dokumentation der heute erhaltenen Ruine des ehemaligen Administrationsgebäudes. Das sogenannte Herrenhaus ist seit 2011 wegen seiner Baufälligkeit eingezäunt und darf nicht betreten werden.

Spuren der Stille – Eigenrecherche 2026
Zusammenführung und Abgleich historischer Quellen, aktueller Berichterstattung und Standortinformationen zur Pulverfabrik Föhrenwald.

Kleiner Quellenhinweis

Den würde ich darunter setzen:

Hinweis: Einzelne Angaben zur militärischen Nutzung des Föhrenwaldes unterscheiden sich je nach Quelle. Insbesondere Erzählungen über die Lagerung von V2-Raketen bzw. V2-Komponenten sind nicht ausreichend gesichert und werden daher nicht als zweifelsfrei belegte Tatsache dargestellt.